Literatur - Chronik der Zustände

 

 

Hier finden Sie von oben nach unten folgende Texte:

 

1.   - "Der berühmte Anarchist in Lederhosen" - Oskar Graf zwischen den Weltkriegen

 

2.   -   "Ret Marut und der Ziegelbrenner" - von einem "fliegenden Verlag" in München

            und über den sozialkritischen Roman "Das Totenschiff"- 

        

Die "Literaturstadt München" hat schon viele Wandlungen durchlebt. In den Buchläden rund um die Universität kann man Postkarten und Bildbände erwerben, welche einem den Weg von der "Stadt der Bewegung" hin zu der "Stadt der Herzen" anhand von alten Fotografien näherbringen sollen. Ein Foto, dass ich beim Stöbern entdeckt habe hat mich besonders fasziniert. Es zeigt eine Menschenansammlung auf dem opulent gestalteten Odeonsplatz mit der Bildunterschrift "Die Ausrufung des Ersten Weltkrieges".

 

Zahlreich sind sie umgebracht worden, diejenigen die sich in gesellschaftliche Diskussionen wie der Vorbereitungen zweier Weltkriege einmischten und unbequem geworden sind.

 

 

Nur kurz geblieben : Oskar Graf und seine mutigen Freunde

 

Nur kurz in München geblieben – die Freunde bedauerlicherweise im Gefängnis oder in den Straßen der „leuchtenden Stadt“ verschieden : von Oskar Graf und der politisch-schriftstellerischen Arbeit seiner mutigen Freunde in der bayerischen Kulturhauptstadt zwischen den Weltkriegen.

 

 

Als das Regime befahl Bücher mit schädlichem Wissen öffentlich zu verbrennen und allenthalben

Ochsen gezwungen wurden,

Karren mit Büchern zu den Scheiterhaufen zu ziehen,

entdeckte ein verjagter Dichter,

einer der Besten, die Liste der Verbrannten studierend, entsetzt,

dass seine Bücher vergessen waren! Er eilte zum Schreibtisch zornbeflügelt,

und schrieb einen Brief an die Machthaber. Verbrennt mich! Lasst mich nicht übrig!

Habe ich nicht immer die Wahrheit berichtet in meinen Büchern?

Und jetzt werd ich von euch wie ein Lügner behandelt.

Ich befehle euch: Verbrennt mich!”

 

Bertolt Brecht: “Svendborger Gedichte”, 1937

 

Odeonsplatz, München; Quelle: wikimedie commons, Bild aus der "public domain"
Odeonsplatz, München; Quelle: wikimedie commons, Bild aus der "public domain"

Der berühmte Anarchist in Lederhosen

 

Oskar Maria Graf mal anders betrachtet: von einem der nach München kam und zwischen die Weltkriege

 

Ein literaturwissenschaftlicher Essay von Miriam Gil

 

 

Etwas war für immer zu Ende“ - Die Flucht nach München

 

Anscheinend muss es im Leben des blutjungen Oskar Graf einen Moment gegeben haben, an dem ihn erstmal nichts mehr an seinem scheinbar idyllischen Geburtsort Berg am Starnberger See gehalten hat. Genauer hatte er wohl genug von den Schlägen, welche ihm in regelmäßigen Abständen von seinem größeren Bruder Max verpasst wurden. Dieser hatte nach dem Tod des Vaters die familieneigene Bäckerei übernommen und lies dort ein strenges Regiment walten. Der erst zwölfjährige Oskar musste dort bereits viel mitarbeiten, obwohl er eventuell in der freien Zeit lieber seiner bereits damals entfachten Leidenschaft, dem Lesen, oder anderen Dingen nachgegangen wäre. Man könnte den Eindruck gewinnen der kleine Oskar war verzweifelt und scheinbar ohne schützenden Halt, wenn man liest: „ Ich war kaum zwölf Jahre alt, meine Schwester Anna zehn. Tagsüber – meist bis zum Hereinbruch der Dämmerung – half ich in der Konditorei oder fuhr mit dem Rad Bestellungen zu verschiedenen Kundschaften. Kein Wunder, daß ich mitten in der Nacht oft und oft vom Schlaf übermannt wurde. Dann schlugen mich die Gesellen. Ich konnte es einmal nicht mehr aushalten und rannte hilfesuchend zum Maxl in die dunkle Kammer hinauf. Verzweifelt weinte ich und weckte ihn. Er sprang schlaftrunken aus dem Bett und hieb blindwütig auf mich ein, daß ich entsetzt wieder davonstürzte. Triumphierend verhöhnten mich die Gesellen.“

In dem einfühlsamen Potrait seiner Mama heißt es weiterhin:

„Mit einer Militärknute hieb er auf mich ein, schlug und schlug. Das Blut rann mir an allen Seiten herab,aber ich schrie nur ein paar mal und weinte nicht mehr. Auch die Schläge spürte ich nicht mehr, Himmel und Hölle hatten zu schnell gewechselt für mich. Etwas war für immer zu Ende. Am selben Abend lief ich davon. Ich floh in die unbekannte Stadt.“

 

Schwerer Start alleine in München : Geldnot

 

Die Mutter hatte wohl heimlich Geld für Oskar angespart und mit diesen dreihundert Mark in der Hosentasche kam er dann in München an. Graf pflegte sein ganzes Leben eine emotionale Beziehung zu seiner Mutter und auch zu den Geschwistern. Die Familie erkundigte sich auch nach dem Aufbruch nach München regelmäßig nach ihm und der berufliche Werdegang sowie die finanzielle Situation des Jungen wurden beäugt. Ab und an kamen Geldgeschenke und Essenspakete bei Oskar an, jedoch war dies eigentlich weder das, was die Familie wollte, noch was Oskar sich für sein Leben vorgestellt hatte. Da das erhoffte „bequeme Dichterdasein“ erstmal ausblieb und keine regelmäßigen Einnahmen durch das Schreiben in Sicht waren nahm Graf verschiedene Arbeiten an. In der von Georg Bollenbeck im Rowohlt Verlag herausgegebenen Bildmonographie zu Graf heißt es:

„ Der Provinzler in der großen Stadt ist arbeitsscheu und zugleich fleißig. Wenn er als Bäckereigehilfe, Müllerei-Arbeiter oder als Anstreicher arbeitet, wenn er gelegentlich in einer Brotfabrik oder,wie während des Krieges, in einer Keksfabrik aushilft, macht Oskar Graf die Schinderei nur kurze Zeit mit.´Nur drei bis vier Wochenlöhne, dann werf ich die Sache hin`, denkt er sich als Bäckereigehilfe. Er braucht Geld, und deswegen übernimmt er gelegentlich eine Arbeit. Er will aber Schriftsteller werden und meidet deshalb diese entfremdende körperliche Arbeit.“

Immerhin hat der Mann es geschafft, sich in München über Wasser zu halten.

Dies gelang eben durch besagte Tätigkeiten in diversen Fabriken und Betrieben und dann konnte Graf auch immer wieder kleinere Veröffentlichungen aufweisen, welche ein wenig belohnt wurden. Graf war alleine, auch wenn er nun in einer Großstadt angekommen war:

„Ich ging allein. Keinen Menschen kannte ich, keine Wirtschaft besuchte ich. Scheu durchstreifte ich die Warenhäuser, die Museen ,Ausstellungen,

saß auf Anlagebänken und wartete auf einen Menschen. Aber niemand sprach mit mir. Also arbeiten. Und wieder ging ich auf mein Zimmer und schrieb. Unmögliche Aufsätze häuften sich. Skizzen, Betrachtungen, ein großes Buch über die Erziehung wollte ich schreiben. Dann aber schrieb ich Briefe an namhafte Schriftsteller, jammerte. Maggiwürfel, Tee, Brot. Aber man muß zäh sein und aushalten.“

 

 Das Kennenlernen der Anarchisten und: Immer schreiben wollen

 

Eines Tages kam Oskar mit seinem Nachbarn, einem Buchhändler ins Gespräch. Es ging um Tolstojs „Die Sklaven unserer Zeit“, und da Graf „das Büchlein“ kannte und der Nachbar dies zu schätzen wusste, wurde er spontan für den nächsten Freitag in die Kneipe „Glockenbach“ eingeladen. Graf wurde, bevor er das erste Mal persönlich zu einem Treffen der „Anarchisten“ erscheinen sollte ,Landauers „Aufruf zum Sozialismus“ in die Hand gedrückt und nachdem er diesen gelesen hatte, entwickelte er sofort Sympathie für die dargelegten Ideen einer neuen Welt. Nach einem kleinen Maleur, welches ihm relativ schnell verziehen wurde kam er also bei Mühsam und Konsorten an.

(Oskar erkundigte sich bei Polizisten nach dem Weg zu den Anarchisten.Daraufhin wurden gleich seine Personalien aufgenommen und es wurde ihm von seiten der Gesetzeshüter nahegelegt sich von dem „arbeitsscheuen Gesindel“ fernzuhalten. Dieser Vorfall erregte die revolutionären Gemüter, sie wurden jedoch wieder beschwichtigt, weil keine anderen Namen außer der Grafs selbst vor den Polizisten gefallen war.)

Die Anarchisten waren Graf gegenüber offen und boten ihm gleich einen Posten an, der seiner Profession als Schriftsteller gerecht werden sollte. Graf sollte sich um schriftliche Arbeiten bei einer politischen Gruppierung kümmern, die er noch nicht kannte.

Woher auch? In Berg am Starnberger See kam er mit jenen Leuten und Schriften Landauers bis dato einfach noch nicht in Kontakt.

 

Graf wollte immer schreiben.

 

„´Dank schön für den feinen Posten.`Ich malte mir eine ungeheure Tätigkeit aus und hielt mich in dieser Bewegung für unentbehrlich wichtig. Mein Talent hatte also doch seinen Endecker gefunden. Mit Büchervertrieb und Zeitungen was zu tun haben, sie direkt vom Verlag geschickt zu bekommen, das eröffnete immerhin Aussichten auf Gedrucktwerden. Sofort setzte ich mich nachts hin und schrieb einen Artikel über die Unterdrückung und die Gerechtigkeit, suchte die Adresse im Sozialist und schickte die Sachen ab.“

Als Oskar seinen Lieben erzählt er hätte nun eine feste Aufgabe zugeteilt bekommen freuen die Angehörigen sich nicht uneingeschränkt,sondern wollen gleich wissen, was er denn bei dieser Tätigkeit verdienen würde:

„`Was bekommst du denn dort Gehalt...?`

`Gehalt?`sagte ich und sah sie an [die Schwester Theres], denn erst jetzt kam mir in den Sinn, daß die Leute davon ja gar nichts gesagt hatten,

`Gehalt....ja, das haben sie mir noch nicht gesagt...ich muss erst fragen.“

Erich Mühsam nun erklärt dem jungen Graf, dass es bei der Verteilung revolutionärer Flugblätter nicht primär um das Geldverdienen gehen würde – nimmt jedoch die schriftstellerischen Ambitionen Oskars ernst,und verweist ihn auf einen befreundeten Verleger.

Da auch bei diesem das Geld knapp ist und Oskar für Veröffentlichungen selbst in die Tasche greifen müsste reagiert dieser alles andere als erfreut:

„Ich sollte die Druckkosten bezahlen. Ich war ganz verzweifelt und ließ die Sache sein. Alles und alle verfluchte ich.“

Graf konnte einfach nicht so wie er wollte. Auch litt er im Geiste darunter finanziell nicht auf eigenen Beinen zu stehen und kämpfte innerlich damit, dass er Ersparnisse einer seiner Brüder, welche bei ihm in München „bloß hinterlegt“ wurden einst einfach selbst aufgebraucht hatte:

„Es ging mir sehr schlecht. Und immer jagte mich die Sache mit Maurus` verbrauchten Spargroschen weiter, ich suchte verzweifelt nach irgendeinem Lebensunterhalt.“

 

Kritk an den Intelektuellen zum Anbeginn des Ersten Weltkrieges 1914

 

Oskar Graf verbrachte nun immer mehr Zeit mit den Anarchisten, lernte Literaten der sogenannten Schwabinger Boheme kennen und entwickelte sich, wie er auch selbst bekennt,stetig weiter. Er bemerkt an sich selbst, dass er lernte sich auszudrücken, dass seine Zunge geschmeidiger wurde und er langsam am Begreifen war, was Sozialismus heißt.

Graf mochte den Krieg nicht.

Das Kaiserreich nahm darauf jedoch erstmal keine Rücksicht, und auch Oskar wurde eingezogen.

Es beginnt der Kampf darum, auszubrechen. Graf wird bald als „Irrer“ abgestempelt, von der Front entfernt und zweimal für jeweils drei Monate in eine staatliche Irrenanstalt eingewiesen. Es ist schwer, dass alles punktgenau nach zu recherchieren, man kann in Köpfe nicht reingucken, aber es ist anzunehmen, dass der Mann kalkuliert hat. Bewaffnet an der Front eines Konstrukts, dass Unbehagen ausgelöst hat oder: nicht ernst genommen in derAnstalt, bzw. in Haft. Graf durchlebte letztere Institutionen. Es gibt ein Foto, dass ihn 1918 nach der Entlassung zu Ende des Krieges zeigt, und das spricht Bände: harte Gesichtszüge zeigen, dass ihn das alles wohl recht mitgenommen hat. Im Vorwort von „Wir sind Gefangene“ aus dem Jahre 1965 heißt es:

„ … Um es noch einmal zu wiederholen: Daß eine ganz andere, schrecklichere Zukunft heraufkam, war und bleibt zum großen Teil die Schuld jener Geistigen, die sich, sobald die Politik notwendigerweise ins widerliche Detail gehen mußte, sofort wieder zurückzogen, um makellose Kunst zu produzieren. -“

Graf war kein Menschenfreund. Graf war auch kein Mitglied irgendeiner Riege von Künstlern oder Literaten die heute literaturwissenschaftlich aufgearbeitet werden, und wieder und wieder vermarktet werden. Im Gegensatz zu Mühsam wurde er am Ende nicht von den Nazis umgebracht.

 

Abschied von München – der Beginn des lebenslangen Exils 1933 in Wien

 

Nach Ende des Ersten Weltkrieges gab es immer noch Leute, die dem ewigen Krieg machen ein Ende setzen wollten und andere Wege andachten. Es kam zu der kurzen geschichtlichen Episode der bayerischen Räterepublik für die sich Graf stark machte, die jedoch relativ schnell niedergeschlagen wurde und wieder vielen Andersdenkenden das Leben kostete. Graf überlebt und schreibt Romane. In diesen Romanen wird beschrieben, wie sich Pogrome gegen die Juden im gesellschaftlichen Leben zeigen. Graf war an dieser Stelle kein besonders einfühlsamer Beobachter oder anderes, -er war eben nicht blind. 1933 wird Graf von Wiener Sozialdemokraten offiziell nach Österreich eingeladen. Graf packt seine Sachen und geht dort hin. Seine Frau wird nachgeholt und er kommt eigentlich nie wieder zurück. Warum auch? Beziehungsweise erstmal: Wie auch?

Es bleibt bei ein paar Besuchen in Deutschland, der Lebensmittelpunkt wird später nach New York verlegt. Für diejenigen, welche sich für das Werk Grafs interessieren hier noch die Adresse der Oskar Maria Graf Gesellschaft in München : www.oskarmariagraf.de

Jedoch kann wohl kein ernsthaftes Interesse ehrlicher als durch die schlichte Lektüre selbst befriedigt werden. „Wir sind Gefangene – ein Bekenntnis

Meine Überzeugung ist: es muss nicht immer so sein.

 

(c) Miriam Gil 2017
(c) Miriam Gil 2017

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Über den "Ziegelbrenner" und "Das Totenschiff"

- eine kleine Auseinandersetzung

 

Schon drei ganze Jahre war der Erste Weltkrieg im Gange, als am 1. September 1917 die erste Ausgabe der knallroten Zeitschrift mit Titel “Der Ziegelbrenner” in Druck ging. In unregelmäßigen Abständen sollte bis 1921 noch an 13 weiteren Heften, allesamt randvoll an 

Kritik an peinlichen Kulturzuständen und an widerlichen Zeitgenossen” gearbeitet werden. 

Die Zeitschrift hob sich nicht nur auf Grund der auffälligen Aufmachung von den damals üblichen Publikationen ab, sondern vor allem wegen der von Anbeginn an enthaltenden 

heftigste[n] Attacken gegen Militarismus, den Staat, die bürgerliche Presse und die Kirche”. 

Oskar Maria Graf, der dem Herausgeber Ret Marut während der Münchner Räterepublik einige Male begegnet ist hat einmal gesagt: 

Ret Marut war einer der seltsamsten Erscheinungen jener Zeit. Er brachte noch im Laufe des Krieges das Kunststück fertig, eine höchst provokante Anti-Kriegszeitschrift … trotz der verschärften Zensur herauszubringen. 

1919 wurde der “Ziegelbrenner” im Rahmen der Niederschlagung der Münchner Räterepublik für illegal erklärt. Trotzdem ist er noch zwei Jahre lang erschienen und hat bis zum Schluß die unterschiedlichsten journalistischen, aber auch literarische Stilformen wild nebeneinander gereiht. 

Weil Verfasser von“Aufsätze[n] über Politik, Handelspolitik, Volkswirtschaft, Staatsphilosophie, Soziologie; ferner : schöngeistige[r] Beiträge,Buchbesprechungen, Theaterberichte[n] und Randbemerkungen zu Streit – und Tagesfragen”nicht namentlich, sondern nur unter der Verwendung verschiedener Pseudonyme genannt wurden, haben Literatur- und Geschichtswissenschaftler lange Zeit danach geforscht, welche Köpfe sich hinter der Zeitschrift verbergen. Rolf Recknagel, ein deutscher Literaturwissenschaftler, hat stilistische Auswertungen zwischen dem schriftstellerischen Werk Ret Maruts und den Romanen des Autoren B. Traven vorgenommen und die These aufgestellt, dass es sich hierbei um ein und diesselbe Person handelt. 

Nach vergleichenden Analysen, vielfältigen Zeugnissen und Indizien scheint es uns zunächst erwiesen, daß B. Traven mit Ret Marut identisch ist. (…) Anfang und Ende der Biografie liegen noch im Dunkel.”

Während im Kaiserreich der Patriotismus mit Propagandaflugblättern geschürt werden sollte, rief der Ziegelbrenner als vollkommen unabhängiges Organ einfach dazu auf, den leidigen Krieg zu beenden und eine vollkommen andere Gestaltung der Gesellschaft anzudenken. Im eigenen Blatt wurde veröffentlicht was gefiel, und auch die regelmäßig erscheinenden Literaturempfehlungen waren mehr öffentlich gemachte Urteile über das, was nach Meinung der Herausgeber gelesen werden sollte, als pure Empfehlungen von Literaturkritikern, wie wir sie heute zum Beispiel aus dem Feuileton der Süddeutschen Zeitung kennen. 

Bücher, die dem Herausgeber, der Schriftleitung oder den Mitarbeitern des `Ziegelbrenner` wichtig genug erscheinen, um besprochen oder empfohlen zu werden, kauft der Verlag der Zeitschrift an. Deshalb wird die Zusendung von Büchern, sogenannten Rezensions -Exemplaren, höflichst verbeten. Waschzettel kommen dahin, wohin sie gehören; aufgenommen werden sie jedenfalls nicht.” 

Man wollte einfach nicht mehr. Man wollte nicht mehr im Krieg leben, man wollte nicht mehr in Armut leben und man wollte keine Götter mehr über sich haben während man selbst mit Krankheiten und ganz irdischem Hunger zu kämpfen hatte. Auch wollte man sich nicht verhaften lassen und so wurden den im Selbstverlag erschienenen Heften die Notiz zugefügt: 

Besuche sind zu unterlassen. Es ist niemals jemand anzutreffen. Telefon haben wir nicht.” 

Ganz so erfolgreich waren diese Bemühungen nicht. Ein vom Ziegelbrenner veranstalteter Abend mit Lesung in Schwabing wurde von Nationalisten gestört und es kam zu einer heftigen Schlägerei. 1919 wird der Ziegelbrenner für illegal befunden und Ret Marut wurde seitens der Politik zum Staatsfeind erklärt: 

Im Namen der bayerischen Regierung, die zehnfach rachgieriger und verfolgungswütiger ist als die preußische Regierung, wurde M. seiner Lebensmittelkarten beraubt. (…) [man] beraubte M. seines Heims und den Ziegelbrenner-Verlag seiner Räume.” 

Ret Marut war bestrebt, sämtliche Angriffe gegen den `Ziegelbrenner` in seiner Zeitschrift zu vermerken.” 

Und so wurde auch verkündet, dass: 

Der Ziegelbrenner infolgedessen durch eine fliegende Schriftrleitung verfaßt und durch einen fliegenden Verlag ausgegeben [wird]. (...)” 

und außerdem : 

Die große Freiheit, der sich ehrliche Menschen im freiesten Staate der Welt zu erfreuen haben, wird uns nötigen, in der nächsten Zeit eine Anzahl von Heften in illegaler Form herauszugeben.” 

Es kam den Machern darauf an politische Inhalte zu verbreiten und so wurde nun auf mehrere Privatwohnungen in München verteilt weiter anonym geschrieben und Material zusammengetragen. Man wollte sich auf gar keinen Fall mundtot machen lassen und wohl reflektierte man über mögliche Konsequenzen, denn Anfang 1919 wurde als eines der wichtigsten Ziele des Ziegelbrenners genannt : “Wer nicht lügen will, braucht nicht zu lügen. Man kann alles sagen, selbst die Wahrheit, wenn man die Wahrheit über das persönliche Wohlbefinden stellt.” 

Die Herausgeber des Ziegelbrenners erlebten die Kriegswirtschaft während des Ersten Weltkrieges, die Novemberrevolution und das Kriegsende. Darauf folgten die kurze Zeit der Münchner Rätererepublik unter der samt Hilfe des Ret Marut versucht worden war die gesamten Presse im Land unter die Fahne des Sozialismus zu stellen. 

Sein Leben lang war Marut ein radikaler Kritiker der Kirche und der bürgerlichen Presse, welche seiner Meinung nach nur veröffentlichte was den konservativen Kräften zu Stärke verhelfen solle und mit menschenfeindlicher und kriegstreiberischer Propaganda ihr Geld verdienen würde. 

...Und wenn ich sage: Der größte Schurke und Lügner während des Krieges war der Journalist !, so vergesse ich nicht hinzuzufügen: Und dahinter folgte aber gleich der Pfaffe! Der größte Lügner ist der Journalist, der größte Schurke aber ist der Pfaff. “ 

Die sozialistischen Bestrebungen wurden niedergeschlagen. Während gesellschaftliche Umbrüche stattfanden und es zwischen den beiden Weltkriegen kurze Zeit danach aussah, als würden politische Kräfte zum Zuge kommen, welche der Kriegstreiberei und Ausbeutung der arbeitenden Massen ein Ende bereiten wollten fand Ret Marut wohl nie eine wirkliche politische Heimat. Kurz nach der Ermordung Kurt Eisners im Jahre 1920, welcher 

(...) Freund und vertraut geworden, als in wehen und schweren Geburtsstunden neuer Zeit und neuer Sittlichkeit [er] ihm Mitarbeiter war  

und der Niederschlagung der Räterepublik in München, welche wohl der Auslöser für den Entschluss gewesen ist Deutschland endgültig den Rücken zu kehren, schrieb Marut: 

Das neue Deutschland ! Könnte ich doch nur ein Fremdstämmiger werden, um keine Blutsgemeinschaft mit diesem neuen Deutschland mehr zu besitzen. “ 

Vielleicht wollte er ja in Anbetracht dessen, was er in den Ländern die er kennengelernt hat durchmachen musste auch gar keine “politische Heimat” finden. Nehmen wir an, Ret Marut ist B. Traven, dann ist “Das Totenschiff” der erste Roman der im Jahre 1926 aus dem mexikanischen Exil heraus in Deutschland veröffentlicht wurde. Recknagel schreibt über den Versuch eine größere biografische Darstellung des B.Traven zu erarbeiten: 

Wir sahen uns einer in sich äußerst gegensätzlichen, gespaltenen Persönlichkeit gegenüber, die ihrer Zerissenheit im Leben wie im dichterischen Werk durch eine Vielfalt von Gestalten in immer neuen Verkörperungen Ausdruck gab und der eine schöpferische, oft zügellose Phantasie immer neue Varianten schuf; einem Schauspieler, der sich selbst in immer neuen Rollen darbot und die Biografie gleichsam literarisch in Szene setzte.” 

Im “Totenschiff” könnten also durchaus autobiographische Züge zu erkennen sein, wenn der Protagonist feststellt: 

Hunger haben ist etwas Menschliches, Papiere haben ist etwas Unmenschliches, etwas Unnatürliches.” 

Bis heute sind die genauen Umstände, unter denen Marut nach Mexiko gelangte nicht geklärt, wohl aber wird es kein leichter Weg gewesen sein wenn man bedenkt, dass Marut mit Abstand mehr politische Feinde als Freunde benennen konnte und seine Taschen wahrscheinlich nicht prallgefüllt von Bargeld waren, schließlich hat er mit vorhergegangenen Publikationen nicht selbst Geld verdient sondern vielmehr immense eigene Ausgaben verbuchen müssen. Der Protagonist im “Totenschiff”, ein amerikanischer Seemann wird durch den Verlust seiner Papiere erstmal unfreiwillig ein Staatenloser, einer, der ohne nachweisbare Identität von keinem Land gewollt scheint und noch viel weniger von einem Kapitän als Arbeitgeber, da jene argumentieren sie hätten kein Interesse daran in krumme Geschäfte verwickelt zu werden und ihn schlicht nicht an Bord gehen lassen. So beginnt ein Spießrutenlauf von Konsulat zu Konsulat, wiederholt wird Gales nach seiner Identität befragt und da er keinerlei Nachweis über jene mit sich führt und scheinbar auch keine Zeugen benennen kann, die offizielle Auskunft über ihn erteilen könnten fängt er an seine Situation als eine Art “vogelfrei” zu begreifen: 

Im Grunde und ganz ohne Scherz gesprochen, war ich ja schon lange tot. Ich war nicht geboren, hatte keine Seemannskarte, konnte nie im Leben einen Pass bekommen, und jeder konnte mit mir machen, was er wollte, denn ich war ja niemand, war offiziell überhaupt gar nicht auf der Welt, konnte infolgedessen auch nicht vermißt werden. Wenn mich jemand erschlug, so war kein Mord verübt worden. Denn ich fehlte nirgends. Ein Toter kann geschändet, beraubt werden, aber nicht ermordet. 

Im gleichen Atemzug reflektiert Gales weiter und stellt über eben gemachte Gedanken fest: 

Das freilich sind konstruierte Einbildungen, die gar nicht möglich, ja, sogar ein Zeichen von Wahnsinn wären, wenn es keinen Bürokratismus, keine Grenzen, keine Pässe gäbe.” 

Um die Ereignisse zu ordnen möchte ich darauf hinweisen, dass der Protagonist vom “Totenschiff” in den ersten Zeilen des Buches unfreiwillig in die Rolle des Mannes ohne Identität geworfen wird, und eben aufgeführte Gedanken und Stellungnahmen eben Reaktionen auf die Situation und den sich daraus ergebenden Handlungsstrang darstellen. 

Nationalität? Eine heikle Frage jetzt. Ich hab so ein Ding nicht mehr, seitdem ich nicht beweisen kann, daß ich geboren bin.“ 

Auf dem Weg durch die bürokratischen Institutionen, aber auch im Umgang mit einfachen Grenzsoldaten spitz sich die Situation dermaßen zu, dass französische Beamte behaupten nach dem geltenden Kriegsrecht müsse man einen Mann wie Gale ohne Papiere auf der Stelle umbringen: 

Was sollen wir denn mit Ihnen machen? Wer ohne Pass aufgegriffen wird, bekommt sechs Monate Arbeitshaus und Deportation nach seinem Heimatlande. Ihr Heimatland wird bestritten, und wir müssen Sie in das Internierungslager schicken. Wir können Sie doch nicht totschlagen wie einen Hund. Aber vielleicht kommen solche Gesetze noch heraus. Warum sollen wir Sie durchfüttern? (...) 

Es muss ein sehr wertvolles Ding sein, was die in allen Ländern in meinen Taschen suchen. Vielleicht die Pläne einer verschütteten Goldmine oder eines versandeten Diamantenfeldes.

 

Heute nimmt man an, dass der Herausgeber des Ziegelbrenners im Jahre 1924 unter ungeklärten Umständen nach Mexiko ging und von dort aus weiter literarisch wirkte. Es folgten mehrere sogenannte “proletarische Arbeiterromane”, Geschichten, die konsequent das Leben von Unterdrückten und Personen am Rande der Gesellschaft darstellen und schon während der Zwanziger Jahre erfolgreich verlegt und teilweise sogar verfilmt wurden. Von einer wohl erst bestehenden Euphorie gegenüber den gesellschaftlichen und politischen Verhältnissen in diesem südlichen Land ist in Anbetracht der geschilderten Geschichten der Arbeiter im mexikanischen Dschungel und dem Leben auf den Dörfern nicht mehr viel zu spüren. Wahrscheinlich musste Marut recht schnell einsehen, dass folgendes Zitat aus dem Jahre 1920, welches das vermeintliche Eldorado der Linken in Südamerika charakterisieren sollte der Realität schlicht nicht standhalten konnte: 

Und man wird sich wundern, wenn ich sage, daß Überfluß an Allem und für Alle vorhanden ist, und dennoch niemand länger als zwei Stunden täglich arbeiten braucht ...
Während in Deutschland klimatische Verhältnisse dafür sorgen, dass es viel Arbeit benötigt um überhaupt Früchte und Gemüse ernten zu können und die Ernte immer wieder Gefahr schwebt zerstört zu werden erhoffte man sich in südlicheren und wärmeren Gefielden schlicht ein weitaus einfacheres Leben. 

Ret Marut hat einmal gesagt: 

Von den dreien: Staat, Regierung und Ich, bin ich der Stärkste. Das merkt Euch! 

An dieser Stelle muss festgehalten werden, dass Ret Marut weder an einer Kriegsfront oder als politischer Gefangener zu Grunde ging sondern sein Leben lang als sozialkritischer Autor tätig gewesen ist. Mit dem literarischen Werk des Ret Marut, beziehungsweise des B. Traven liegt also schriftstellerische Arbeit eines Deutschen vor, der in Anbetracht der politischen Situation seiner Zeit nie ein solcher sein wollte. Wer sich für die Originaltexte des Ziegelbrenners interessiert kann diese im Faksimiledruck “Der Ziegelbrenner. Herausgeber: Ret Marut. 1917 – 1921”erschienen im Klaus Guhl Verlag in der Bibliothek literarischer Neudrucke, 1976, nachlesen.Auch der Internetauftritt der Internationalen B. Traven Gesellschaft e. V. bietet zahlreiche Informationen zu Werk und Leben des Autors, der noch 1980 von der Londoner “Times” als eines der“größten literarischen Wunder des Jahrhunderts” bezeichnet wurde.

 

 

 

(c) Miriam Gil 2017
(c) Miriam Gil 2017