" Ich glaube, dass die Lebenden tot sind und die Toten leben"

            - die Verfilmung von Heinrich Bölls "Ansichten eines Clowns"-

 

           "Halt auf freier Strecke" - Geschichte eines nicht operablen Gehirntumors

 

           "Ich bin keiner von uns." Filmische Dokumentation über das Frühwerk des  

             Hans Magnus Enzensberger (Enzensberger als toller Herausgeber)

 

            "Einer wie Bruno" Kinodebüt der Regisseurin Anja Jacobs,

             Christian Ulmen als geistig behinderter und alleinerziehender Vater einer gesunden

             13 jährigen Tochter  

 

            "Southpark"

 

Juwelen der Filmgeschichte

Heinrich Böll : "Ansichten eines Clowns",

erschienen im Filmverlag Fernsehjuwelen, Schlangenbad/Wiesbaden 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


   

 

Im Booklet zum Film von Oliver Bayan wird der Inhalt in wenigen Sätzen wie folgt zusammengefasst:

 

Der dreißigjährige Hans Schnier blickt zurück auf sein Leben.

Er will nichts mit der Wohlstandsgesellschaft zu tun haben. Im reichen Elternhaus herrschen noch Ansichten aus der Vorkriegszeit. Mit dem Tod seiner Schwester kommt Hans wegen der Sinnlosigkeit, resultierend aus der Nazi-Ära, nicht klar. Auch zu seinem Bruder Leo findet er nicht den richtigen Zugang. Er lehnt die Ehe mit Marie ab, will seine zukünftigen Kinder nicht katholisch erziehen. Marie verlässt Hans, der verbittert bleibt.

 

Der Film bietet weit mehr: man wird Zeuge von brillianten und hochgradig politischen Dialogen.

 

Es stimmt: Marie verlässt Hans und der Film endet mit Blick auf den von tiefem Schmerz gezeichneten Protagonisten, einsam zusammengekauert auf dem kalten Boden des Kölner Hauptbahnhofes. Auch lehnt Hans das Angebot seines Vaters ab ihm eine solide Ausbildung zu finanzieren, jedoch erscheint es schlicht als unzureichend das im Film gezeigte Umfeld der unmittelbaren Nachkriegszeit als „Wohlstandsgesellschaft“ und den unvergessenen Tod der Schwester als „sinnlos“ zu bezeichnen. Die Schwester stirbt für den „Totalen Krieg“, sie verlässt das Elternhaus als „Flakhelfer“, wird also innerhalb der letzten beiden Kriegsjahren noch irgendwo als Kindersoldatin verheizt.

 

Es hieß die Mädchen sollten sich freiwillig zur „Flak“ melden und Henriette tat es.

 

Nicht so ganz freiwillig.

 

Während die Mutter keine Drückebergerei duldet und die Kleine drängt diesen Dienst für die Nation anzutreten verlässt diese die Familie mit etwa folgenden Worten:

 

„Von hier fort ginge ich gerne, aber dorthin, dorthin will ich nicht.“

 

An dieser Stelle kann vielleicht die Vokabel „sinnlos“ verwendet werden: die Reaktion des Bruders erscheint als Antwort auf einen für ihn sinnlosen Tatbestand: warum sollte die Schwester an einen Ort gehen, an den sie überhaupt nicht möchte? Hans versteht es einfach nicht warum die Schwester „dahin“ gehen soll.

 

„Na, dann versteck dich doch, lauf doch weg.“

 

Der noch sehr junge Mensch empfindet eben so und drückt das auch sprachlich aus. Hans wird es seiner Mutter nie verzeihen, dass sie die Tochter hat gehen lassen und auch bittere Tränen der Mutter werden nichts daran ändern. Hans provoziert die Tränen, er provoziert den Gefühlshaushalt der Eltern auch als er dem Vater viel später sagen wird er wäre in seiner Kindheit nie richtig satt geworden.

 

Der Film ist einfach großartig!

 

Man sieht zu wie dem kleinen Hans der Apfel aus der Hand gerissen wird und die Mutter ihn auffordert diesen nicht zu dick zu schälen, man merkt wie der Knabe emotional hungert inmitten der Faschisten und dem streng vom Katholizismus geprägten Umfeld.

 

Denuntiantentum, Geiz, Familienbande, Vaterlandsliebe, Pflichtbewusstsein, abstrakte Ordnungsprinzipien.

 

Abstrakte Ordnungsprinzipien.

 

Hans Schnier ist Künstler, er arbeitet als Clown und findet als solcher keine besondere Erfüllung:

 

„Ich habe eine schreckliche Vorstellung hinter mir. Diese müde, blasierte Verachtung meinen Nummern gegenüber.“

 

Die blasierte, also überheblich und herablassende Verachtung gegenüber der eigenen Person samt politischer Überzeugung hat Hans bereits als Kind erfahren müssen. Aufgewachsen im grausamen Nazideutschland wird es ihm einmal beim Spielen beinahe zum Verhängnis das ihm das Wort „Nazischwein“ über die Lippen kommt. Nur knapp kann er sich einer härteren Bestrafung entziehen indem er beteuert diesen Ausdruck nicht von einer anderen Person aufgeschnappt, sondern lediglich als Wandmalerei gesehen und nachgeplappert zu haben. Für seine Auftritte reist er von Ort zu Ort, oftmals wird ihm ein Pensionszimmer für die Nacht gestellt und eine ganze Zeit lang begleitet ihn Marie, die Frau seines Begehrens, dargestellt von der wunderschönen Hanna Schygulla. Der Film vermittelt auf eine ganz besondere Ebene die tiefe Zuneigung, die körperliche Beziehung zwischen Hans und seiner Marie. Heutzutage gibt es keine so schönen Liebesszenen mehr im Fernsehen zu sehen, ich kann mich nicht erinnern wann ich das letzte Mal so eine menschliche und ergreifende Erotik präsentiert bekommen habe.

 

„Ich leide nicht nur an Melancholie, Kopfschmerzen und Indolenz, mein fürchterlichstes Leiden ist die Anlage zur Monogamie. Es gibt nur eine Frau mit der ich alles tun kan was Männer und Frauen tun: Marie.“

 

„Halt auf freier Strecke“, Pandora Film, Deutschland 2011, Regie: Andreas Dresen

 

 

Den ganzen Unsinn werd' ich nie verstehen.
Da hilft nur Einatmen und Vorwärtsgehen.

 

 

 

 

 

Am Anfang ist das Kopfweh. Es wird schlimmer und schlimmer. Dann bekommt er die Diagnose. Es ist ein unheilbarer, bösartiger Hirntumor. Man will und kann ihn nicht operieren.

 

Er ist 44 Jahre alt, hat eine Frau und zwei Kinder.

 

Manchmal glaube ich, dass ich zu langsam bin
für all' die Dinge, die um mich herum geschehen.
Doch all' die Menschen, die ich wirklich, wirklich gerne mag,
sie sind genauso außer Atem wie ich. (...)

 

Der Film ist ein durch und durch bedrückendes Gesamtkunstwerk. Schon die ersten Minuten im Sprechzimmer des Arztes, die scheinbar starr auf den Mann im weißen Kittel gerichteten Blicke vermitteln dem Zuschauer, zumindest mir, eine Art seltsam-tiefer Beklommenheit.

 

Wahrscheinlich weiß man, dass es im Endeffekt jeden treffen kann und das es dann richtig bitter ist, - mitanzusehen wie der Frau die heißen Tränen blitzschnell und geräuschlos über die Wangen laufen und die ganze Szenerie noch von dem Anruf eines Klinikangestellten unterbrochen, nein, - begleitet wird, ist schon besonders.

 

Ehefrau Simone wird bis zum letzten Atemzug bei ihrem Frank bleiben.

 

Später wird sie den Urin aufwischen, weil ihr Mann den Weg zur Toilette nicht mehr finden wird. Sie wird sich von dem immer haltloser und verwirrter werdenden Vater ihrer Kinder anschreien lassen und wird sich dem bereits bettlägrigen auch noch einmal vor Augen der Zuschauer hingeben.

 

Sie liebt ihn und er liebt sie.

 

Und alles was mir dann noch übrig bleibt -

Ein bisschen Zweisamkeit als Zeitvertreib (...)

 

Danach werden sie zusammen eine Zigarette rauchen und gemeinsam auf die winterliche Landschaft und den Baum vorm Fenster blicken.

 

Und manchmal glaube ich, dass nichts mehr wichtig ist.
Ich treibe ziellos bis zum Tag, an dem ich sterbe, jaja. (...)

 

Alle wissen, dass Frank sterben wird. Simone weiß, dass sie bald alleine mit dem Haus und den Kindern weiter machen werden muss.

 

Doch gerade dann, wenn ich dann wirklich nicht mehr weiter will,
liegt mein gepflegter Pessimismus in Scherben. (…)

 

An der ein oder anderen Stelle muss man als Zuschauer vielleicht besonders aufpassen nicht  komisch zu werden, - zum Beispiel wenn Frank und Simone anfangen sich Hilfe zu suchen, wenn sie anfangen Hilfsangebote anzunehmen und auf einmal eine sehr esoterisch anmutende Frau vor den beiden sitzt und ungefähr so redet:

 

Sie sind nicht selbst schuld an der Krankheit. Sie dürfen das wissen. Sie dürfen und sollen jeden Tag so nehmen wie er kommt und ihn auch genießen.“

 

Es ist beinahe nicht auszuhalten, irgendwie geht es dann doch.

 

Die Verzweiflung bahnt sich ihren Weg in Schüben, man liest in Kritiken die Kinder wären mit der Krankheit des Vaters überfordert, vielmehr sieht man jedoch zu wie jeder so handelt wie er eben gerade kann.

 

Die Diagnose ist und bleibt eine von der Schulmedizin nicht heilbare und somit liegt es vielleicht auf der Hand, dass Frank die CD mit den „Anregungen zur Aktivierung der Selbstheilungskräfte“ von seiner Mutter tatsächlich in den Player einlegt und dann in zärtlicher Umarmung von seinem kleinen Sohn darüber einschläft. Bei diesem Anblick setzt die zu diesem Zeitpunkt noch von der Arbeit heimkommende Simone sich hin und gönnt sich, ihre beiden Männer fest im Visier, erstmal einen Eierlikör.

 

Das nach und nach in die Handlung eingeführte Pflegepersonal wird auch von solchem verkörpert.

 

Es handelt sich hierbei nicht um Schauspieler, sondern um Leute die auch im wirklichen Leben mit „Totgeweihten“ und deren Angehörigen arbeiten. Simone weint nach Erhalt der Diagnose nur noch einmal, nämlich als sie vor derjenigen Pflegekraft steht die viel Erfahrung mit den sogenannten Wesensveränderungen mitbringt, welche auch Frank an den Tag legt.

 

Das bisschen Herzschmerz, das bisschen Herzschmerz
das tut doch gar nicht so weh. (…)

 

Für mich endet der Film nicht mit der Tochter die sagt sie müsse zum Schwimmtraining gehen während ihr Vater die Augen für immer schließt, sondern mit einer erfrischend punklastigen Version von Knyphausens „Sommertag“.

 

Trainieren“ kann man den Umgang mit solch einer Diagnose nicht, auch nicht einfach weitermachen.

 

Halt auf freier Strecke“ ist ein Film der hoffen lässt die Naturwissenschaften samt dahinterstehend kühner Köpfe würden ihre revolutionären Kräfte bald abermals gewinnbringend entfalten und den Ärzten somit konsequenterweise auch noch die endgültige Heilung des noch so bösartigen Tumor  ermöglichen.

 

 

 

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Zitierter Songtext aus dem Abspann des Filmes:

Sommertag“ von Gisbert zu Knyphausen, gelesen auf songtexte.com

zuletzt geöffnet am 25.03.2014 um 19:30 Uhr

 




"Einer wie Bruno"


In einem Interview mit Christian Ulmen heißt es:


Was war die größte Herausforderung für Sie beim Bruno-Werden bzw. -Sein?
Eine Figur zu spielen, der die Zuschauer glauben, dass sie behindert ist.

Er hat die Herausforderung angenommen und es einfach versucht. Es ist ein schöner Film geworden. Einer, bei dem übrigens von Anfang an nicht das Ziel gesetzt wurde dokumentarisch oder so lebensecht wie möglich zu wirken. Es ist eben ein Film.


(c) Miriam Gil mit sp-studio.de
(c) Miriam Gil mit sp-studio.de

 

Southpark

 

Für manche Leute sind die Simpsons gestorben seit es Southpark gibt. Tatsächlich präsentiert sich die Serie mit schärferem Humor und Sozialkritik von ganz anderem Niveau als man es von den eher seicht konstruierten gelben Charakteren Springfields gewohnt ist.

 

 

Neben einem sprechenden Stück Kot und einem dauerbekifften Handtuch lernt man den mit typischem Hunger-Ödem, also Blähbauch ausgestatteten „hungrigen Hugo“ aus Äthiopien kennen. Diese Elendsgestalt wird in der ersten Staffel zu Thanks Giving als Gewinn eines Preisausschreibens in die amerikanische Vorstadt geschickt und darf sich dort erst einmal so richtig satt essen bevor er wieder die Heimreise antreten muss, jedoch natürlich nicht ohne in die US- amerikanische Wertetradition und Esskultur eingeweiht zu werden. In „Die Nacht der lebenden Obdachlosen“ ertrinkt Southpark in einer Flut von Obdachlosen, die bettelnd durch die Stadt ziehen und die vorstädtische Feierabendruhe ganz schön durcheinander bringen. In einer anderen Folge entdecken die Kinder zusammen mit Basketballstar Magic Johnson ein Heilmittel gegen AIDS, nämlich die Injektion von Unmengen an geschreddertem Bargeld. Die Serie ist witzig und unheimlich intelligent, die beiden Macher Trey Parker und Matt Stone kennt man bereits aus Michael Moores „Bowling for Columbine“, hier werden die beiden nämlich interviewt und man erfährt, dass das kleine Städtchen Southpark in Anlehnung an den Ort erschaffen wurde an dem einst der tragische Highschool Amoklauf stattfand. Schon in dem kurzen Interview erweisen sich die beiden Kerle als sympathisch, wenn sie den beiden durchgeknallten Scharfschützen attestieren diese hätten lieber aus dem Provinznest abhauen und ihr Leben in die Hand nehmen sollen, als einfach ein Dutzend Mitschüler abzuknallen.

 

Injektionen von Unmengen an Bargeld als Heilmittel gegen AIDS, ein Stück sprechende Scheiße als symbolisierter Ausdruck von Weihnachten in den USA : das ist Southpark

 

In der Episode „Du hast 0 Freunde“ werden moderne Facebook – Freundschaften thematisiert und die Kinder verlieren sich unweigerlich in der virtuellen Welt - wie immer jedoch geschieht dies ganz ohne gehässig zu werden. Die Technologie wird generell immer wieder behandelt, beispielsweise klauen die Freunde einmal eine Drohne aus der Garage eines Vaters und spionieren damit die Nachbarn aus. In „Obamas Eleven“ feiert ganz Southpark dessen Präsidentschaft  und die angekündigten Veränderungen unter dem Motto „Yes we can!“, nur die Kinder sind etwas genervt von dem Zirkus und finden heraus um was es bei dem Amtsantritt Obamas wirklich geht: es ist eine Verschwörung mit John McCain und der übrigen Politikerelite gegen die gesamte Weltbevölkerung um sich privat zu bereichern.

 

Auch Hollywood wird regelmäßig der Lächerlichkeit preisgegeben und zahlreiche Stars, auch aus der Musikszene, haben Gastauftritte. Da die Jungs erst die dritte Klasse besuchen spielt ein Schulpsychologe eine wichtige Rolle in der Serie, denn die Kinder sollen auf dem Weg zum erwachsen werden  zum Beispiel von dem Konsum von Drogen und Zigaretten abgehalten werden. Immer wieder versuchen die Freunde, auch in unerbittlicher Konkurrenz zueinander, das ganz große Geschäft zu machen und so gründen sie einmal eine christliche Rockband. Hier nimmt Cartman einfach bei bekannten Songs das Wort „Baby“ heraus und ersetzt es mit „Jesus“:  schnell ist damit die Eine-Millionen Grenze der Plattenverkäufe erreicht.

 

„I love you Jesus – you died for my sins and you know I would die for you Jesus-Baby!”  

Während die Mormonen auch in der Serie vorkommen haben die South Park Macher an einem Musical „The book of Mormon“ mitgewirkt. http://bookofmormonbroadway.com/tickets  Wer also früher schon die Simpsons mal ganz gerne gesehen hat der wird von Southpark begeistert sein, alle Episoden sind  unter www.southpark-studios.de online kostenlos zu sehen.